Schreiben mit KI: Warum Denken und Formulieren nicht zu trennen sind
Schreiben mit KI hat sich in kurzer Zeit normalisiert: Der Gedanke kommt von mir, die Formulierung vom Sprachmodell. Aber sind Denken und Formulieren überhaupt getrennte Arbeitsschritte? Ich bin über ein Zitat gestolpert, das daran zweifeln lässt.
Sprachmodelle formulieren, aber sie denken nicht
„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.” Wittgenstein hat das lange vor den ersten LLMs geschrieben – vor Systemen also, deren Zugang zur Welt zu einem großen Teil aus Sprache besteht.
„… wir können also auch nicht sagen, was wir nicht denken können.”
Wittgenstein meinte logische Grenzen, nicht Wortschatz oder Stilsicherheit. Als Denkanstoß taugt der Gedanke trotzdem. Er legt nahe, dass Denken und Sprache keine getrennten Arbeitsschritte sind, bei denen der zweite den ersten nur verpackt.
Mit LLMs unterstellen wir diese Trennung jeden Tag.
Beim Schreiben mit KI entsteht der Gedanke oft zu spät
Die KI formuliert präziser, gegliederter und oft auch eleganter als die meisten von uns. Also liefern wir die Idee, und die Maschine baut den Satz. Das klingt nach vernünftiger Arbeitsteilung.
Nur existiert der Gedanke vor dem Satz oft gar nicht in ausgereifter Form. Er wird es erst beim Formulieren. Beim Schreiben merkt man, dass ein Argument nicht funktioniert oder dass die eigene These eine Lücke hat.
Wittgenstein beschreibt diese Arbeit so: „Das Resultat der Philosophie sind nicht ‚philosophische Sätze’, sondern das Klarwerden von Sätzen.”
Übertragen auf die Arbeit mit KI: Das Sprachmodell liefert Sätze. Das Klarwerden liefert es nicht mit. Das ist dieselbe Verschiebung, die ich in Promptest du noch oder denkst du schon? beschrieben habe.
Was wir delegieren, wenn wir Texte von der KI schreiben lassen
Wir delegieren also nicht bloß das Schreiben. Wir delegieren zudem den Prozess, über den sich ein vager Gedanke zu etwas Belastbarem entwickelt.
Bei der Nutzung eines LLMs zeigt sich das schnell: Man lässt ein Modell eine Stellungnahme schreiben, liest sie, nickt – und kann sie eine Stunde später niemandem erklären, ohne auf den Bildschirm zu schauen. Der Text war überzeugend. Verstanden hat man ihn nicht, weil man ihn nicht durchdacht hat. Genau hier entscheidet sich, ob aus Nutzung KI-Kompetenz durch aktives Mitdenken wird.
In den „Philosophischen Untersuchungen” verschiebt Wittgenstein das Bild noch weiter: Bedeutung entsteht im Gebrauch, im Sprachspiel. Wer nur noch auswählt, welche von drei Formulierungen am besten klingt, spielt dieses Spiel nicht mit. Er wird zum Lektor seiner Gedanken, bevor er sie gedacht hat.
KI beim Schreiben richtig einsetzen: erst denken, dann glätten
Heißt das, beim Schreiben die Finger vom LLM zu lassen? Nein. Es ist eine Frage der Reihenfolge und der Art, wie man ein Sprachmodell nutzt.
Erst selbst grob formulieren: die These in drei holprigen Sätzen festhalten, Lücken und Widersprüche finden. Danach das LLM als Gegenüber nutzen, das widerspricht, zuspitzt und stilistisch glättet. Wie sich das in konkrete Prompts übersetzt, steht im Prompting-Guide.
Wer mit dem Glätten beginnt, hat nichts mehr, woran sich ein Gedanke reiben kann.
Ein LLM kann meine Formulierungen verbessern. Meine Gedanken nur, wenn ich sie vorher selbst hatte.
Hier geht es zum Beitrag auf LinkedIn: Arbeitsteilung mit KI: funktioniert das?



