Meine KI übernimmt meine Aufgaben. Kann sie auch meinen Job übernehmen? Wer sagt, die KI übernimmt meinen Job, rechnet den Job als Summe seiner Aufgaben: genug davon abgegeben, und der Rest löst sich auf. Viele Aufgaben lassen sich tatsächlich gut an KI abgeben. Der Schluss daraus stimmt trotzdem nicht.
Warum die KI Aufgaben übernimmt, aber nicht den Job
Zwischen den Aufgaben eines Jobs passiert eine Menge mehr. Der Philosoph Michael Polanyi nennt es das implizite Wissen: Wir wissen mehr, als wir sagen können. Eine der besten Beschreibungen dessen, was Erfahrung ausmacht.
Erfahrungswissen lässt sich selten auf eine konkrete Quelle zurückführen. Es baut sich über Jahre auf, aus Beobachtungen, Gesprächen und Kontexten. Es ist genau die Art von Wissen, die sich nicht abrufen lässt – und über die ich an anderer Stelle schon gefragt habe, ob Wissen durch KI obsolet wird.
Den größten Druck erzeugt KI bei den Einsteigerjobs
Der Druck kommt zuerst bei Einsteigern an. Juniorarbeit lässt sich leichter beschreiben. Und was sich beschreiben lässt, lässt sich abgeben, auch an eine Maschine.
Erfahrung dagegen lässt sich nur schwerlich prompten. Sie ist der Teil des Jobs, der sich der Beschreibung entzieht – und damit der Teil, den keine KI übernimmt. Das ist auch der Grund, warum Fachwissen durch generative KI nicht überflüssig wird, sondern an Gewicht gewinnt.
Wo kommen die Erfahrenen her, wenn KI die Einstiegsaufgaben übernimmt?
Wer prüft morgen, was KI liefert, wenn kein Erfahrungswissen mehr aufgebaut wird? Implizites Wissen entsteht nicht im Lehrbuch. Es entsteht, wenn jemand jahrelang die beschreibbaren Aufgaben erledigt und dabei das Unbeschreibbare lernt.
Wer heute keine Einsteiger mehr ausbildet, spart kurzfristig. Auf Dauer verlieren wir damit das Wissen, aus dem morgen die Erfahrung kommt.
Wenn KI den Weg zum Urteilsvermögen übernimmt
Dazu kommt: Viele der Aufgaben, die wir an KI abgeben, sind der Weg zum Urteilsvermögen. Wer nie selbst eine Recherche durchgeführt hat, erkennt schwer, wann eine KI-Recherche plausibel klingt, aber falsch ist.
Kein Fundament bedeutet kein Urteil. Und kein Urteil bedeutet unkritische Abhängigkeit. Die Gegenbewegung dazu ist keine Technikfrage, sondern eine Haltung: KI-Kompetenz entsteht durch aktives Mitdenken.
Die Rechnung weniger Einsteiger plus mehr KI gleich dieselbe Leistung mag kurzfristig aufgehen. In ein paar Jahren fehlen aber die Erfahrenen.
Hier geht es zum Beitrag auf LinkedIn: Meine KI übernimmt meine Aufgaben.
