Anthropomorphe Sprache über KI begegnet mir mehrmals am Tag: „Claude denkt nach“ oder „sinniert“ steht dann auf meinem Bildschirm. Dass dort gerechnet und nicht gegrübelt wird, weiß ich. Trotzdem stolpere ich inzwischen nicht mehr über diese Formulierung.
Mir geht es oft so: Ich spreche über KI, als hätte sie ein Innenleben. Manchmal nehme ich es dann wieder zurück, weil mir bewusst wird, dass es einfach nicht passt. Vor ein paar Tagen habe ich geschrieben, mein Claude sei „ein armer Kerl“, der es schwer mit mir habe. Abgemildert habe ich das gleich wieder: „Pedantisch ist sie natürlich nicht, dafür bräuchte sie einen Charakter.“
Eine LMU-Studie zur anthropomorphen Wahrnehmung von KI
Eine neue Studie der LMU München legt nahe, dass ich damit nicht allein bin. Das Team um den Philosophen Louis Longin hat über 1.000 Menschen kurze Szenarien lesen lassen. Mal reagierte darin eine KI auf ihre Umgebung, auf Geräusche oder die Stimmung anderer, mal ein Mensch. Danach sollten alle einschätzen, wie bewusst sich die KI oder der Mensch der eigenen Umgebung war.
Aufmerksamkeit gestanden die Teilnehmenden der KI ähnlich zu wie dem Menschen. Beim Bewusstsein zogen sie eine klare Grenze: Selbst die reaktionsstärkste KI wurde als weniger bewusst eingestuft als der am wenigsten reaktionsfähige Mensch.
Ophelia Deroy, Philosophin und eine der leitenden Autorinnen, vermutet, dass wir mentale Begriffe für KI vielleicht nur verwenden, weil uns bessere Wörter fehlen. Das deckt sich mit meiner Erfahrung: Mir fehlen diese besseren Wörter einfach. Ein Hang zum Anthropomorphismus ist dabei nicht die Ausnahme, sondern der Normalfall.
Dennetts intentionale Einstellung erklärt die anthropomorphe Sprache
Der amerikanische Philosoph Daniel Dennett hat dafür schon 1987 einen Begriff geprägt: die intentionale Einstellung. Wir behandeln ein System so, als hätte es Absichten und Überzeugungen, weil wir sein Verhalten so am einfachsten vorhersagen. Ob es sie wirklich hat, ist damit nicht gesagt.
„Claude denkt nach“ ist genau so eine intentionale Einstellung. Harmlos, solange wir wissen, dass wir sie einnehmen. Und das Gefühl, verstanden zu werden, stellt sich ohnehin ein.
Warum anthropomorphe Wörter die Grenze verschieben
Ganz beruhigt bin ich trotzdem nicht. Denn die Grenze hängt am Begriff. Bei einem nüchternen Wort wie „Aufmerksamkeit“ verschwindet der Unterschied zwischen Mensch und KI weitgehend, sagt der Neurowissenschaftler Bahador Bahrami, ebenfalls leitender Autor der Studie. Weniger belastete, eher technische Begriffe stoßen nicht auf tiefgreifende Unterschiede hinsichtlich subjektiver Erfahrungen.
Unternehmen und Medien schreiben KI dagegen gern Pläne, Absichten und sogar ein Gewissen zu. Dazwischen liegen viele Wörter, die wir oft unbedacht benutzen: „denkt nach“, „zögert“, „will“. Die Studie hat sie nicht alle getestet. Ich vermute trotzdem, dass jedes beiläufige „denkt“ die Grenzlinie ein Stück schmaler macht. Beim schweren Wort Bewusstsein vielleicht nicht. Bei allem darunter möglicherweise schon. Ähnlich funktioniert es, wenn eine Maschine Empathie erzeugt.
Die Grenze ziehen wir im Urteil. Verschieben tun wir sie bereits in der Sprache.
Der Beitrag zur anthropomorphen Sprache auf LinkedIn
Hier geht es zum Beitrag auf LinkedIn: „Claude denkt nach“ oder „sinniert“.
