Der lange Gedankenstrich galt als das verlässliche Erkennungszeichen für KI-Texte. Wer ihn in einem LinkedIn-Post sah, vermutete eine KI dahinter. Jetzt ist er weg – die KI-Handschrift aber bleibt.
Laut einer Auswertung des Unternehmens Graphite setzt Claude Opus 5.5 99 % weniger Gedankenstriche als sein Vorgänger Opus 5. Auch GPT-6 Astra nutzt ihn deutlich seltener.
Ein Merkmal weniger, 2.548 bleiben: die KI-Handschrift nach dem Gedankenstrich
Die typische KI-Handschrift ist damit nicht verschwunden. Graphite zählt bei Opus 5.5 weiterhin 2.548 Wörter und Wendungen, die deutlich häufiger vorkommen als in menschlichen Vergleichstexten. „Dependable“, also zuverlässig, taucht 23-mal so oft auf. „This matters“ 116-mal so oft.
Die KI erklärt uns also unermüdlich, warum etwas wichtig ist.
Bei ChatGPT verschiebt sich das Bild sogar in die andere Richtung. Gemessen an der Wortverteilung entfernt sich Astra weiter von menschlichem Text als sein Vorgänger. Opus 5.5 rückt etwas näher heran.
Woher die Stil-Tics der KI-Handschrift kommen
Solche Stil-Tics sind kein Zufall. Sprachmodelle werden darauf optimiert, Antworten zu geben, die Menschen als hilfreich, klar und sorgfältig bewerten. „Zuverlässig“, „durchdacht“, „deshalb ist das wichtig“ klingen nach genau dem.
Diese Optimierung bleibt. Wenn ein Merkmal wegtrainiert wird, sucht sie sich neue Wege.
Ein bisschen erinnert das an Goodharts Gesetz: Wird ein Maß zum Ziel, taugt es nicht mehr als Maß. Der Gedankenstrich war ein solches Maß.
Was die KI-Handschrift für Stilregeln bedeutet
Ich arbeite selbst viel mit Stilregeln für KI-Texte. Die Auswertung zeigt eine Grenze solcher Regeln: Einen Sprachstil über Verbotslisten zu definieren funktioniert nur bedingt, denn es entfernt einzelne Symptome. Wer mit KI schreibt, gewinnt wenig, wenn er nur einzelne Merkmale austauscht.
Die wichtigere Frage ist, wessen Gedanke im Text steht.
Der Gedankenstrich war nie das Problem. Aber er war etwas Zitierfähiges, sichtbar für jeden, der gegen KI-Texte schimpfen wollte, ohne sich die Mühe zu machen, einen Text nach seinem Inhalt zu bewerten. Wie wenig die vermeintlich sicheren Merkmale taugen, zeigt auch der Blick auf die Erkennung von KI-Texten insgesamt.
Hier geht es zum Beitrag auf LinkedIn: Das verlässliche Erkennungszeichen für KI-Texte: der lange Gedankenstrich.
